Menu
  • 20190607 0036 klein

  • 20190607 0071 klein
  • 20190607 0050 klein
  • 20190607 0414 Klein
  • 20190607 0345 klein
  • 20190607 0077 klein

2002 Bis an die Grenzen der Erde

Lebendige Einblicke in die faszinierende Welt des frühen Christentums – das ermöglichte
die Ausstellung „Bis an die Grenzen der Erde“. Sie wurde mit großem Erfolg bereits u.a. in
Madrid, Chicago, St. Petersburg, Taipeh, Mailand und Rom gezeigt.
Auf 46 Tafeln präsentiert, zeugen die Objekte der Ausstellung nicht nur vom Eintritt des
Christentums in Geschichte und Kultur. Vielmehr offenbart sich hier eine vollkommen neue
Perspektive für das Leben des Menschen.

 Eröffnung
Empfang Eröffnung Freiburg
   

Zeugen eines gegenwärtigen Ereignisses  

  von Stefano Alberto

 

Die Sammlung der zahlreichen Fundstücke (viele von ihnen waren bisher nicht ausgestellt) ist in vier große Teile gegliedert und möchte ein Zeugnis der Echtheit des christlichen Ereignisses sein, wie es auf dem Schauplatz der Geschichte aufgetreten ist  (»Von der Erde...«) und wie es sich in Zeit und Raum verbreitet hat (»...zu den Völkern«).

 

Von der Erde

 

Gott wurde für den Menschen durch eine menschliche Wirklichkeit gegenwärtig, in einer ganz bestimmten Umgebung, den gleichen Bedingungen unterworfen wie alle Menschen  in jenem geschichtlichen Moment, den Er gewählt hat, um sich zu offenbaren. Dieses Sich-Zeigen ist die Erfüllung der Neuheit der biblischen Offenbarung, die dazu bestimmt ist, die Begriffe von Zeit und Geschichte zu revolutionieren. Sie bricht mit der zyklischen Auffassung von Geschichte und Zeit in der antiken Welt (die Zeit entwickelt sich in einem ewigen Zyklus, in dem sich alles wiederholt in immer wiederkehrenden, gleichförmigen geschichtlichen Abläufen). »Das, was sich dem Ewigen am meisten nähert, ist die Tatsache, dass sich die gleiche Zeugung stets von neuem wiederholt«, sagte Aristoteles in seinem Werk "De Generatione et Corruptione".

Die Zeit und die Geschichte dienen hingegen der Bibel als Instrumente der Offenbarung des Heilsplanes Gottes: es gibt einen Anfang (arche) und ein Ende (telos), innerhalb derer sich nach und nach die Geschehnisse entwickeln, die dem Verständnis des Heilsplans Gottes dienen.

 

Gott macht sich dem Menschen kund, indem er in die Zeit eintritt und sich als Herr der Geschichte offenbart. Dies geht so weit, dass er sich mit einem geschichtlichen Detail identifiziert durch die Erwählung eines Volkes, »des kleinsten aller Völker«, des Volkes Israel (Dt 7,7). Das jüdische Volk mit seiner Geschichte wurde von Gott als pädagogisches Instrument gewählt, als Einführung, um die Art Seines Eingreifens in der Welt deutlich zu machen.

Genau inmitten dieses Volkes wird Gott selber eine menschliche Gegenwart unter den Menschen: »Als aber die Zeit erfüllt war, entsandte Gott seinen Sohn, geboren aus einer Frau, dem Gesetz unterstellt« (Galater 4,4).

Das Geheimnis ist also in die Menschheitsgeschichte in einem  bestimmten Augenblick »in der Zeit und von  der Zeit« (T.S.Eliot) eingetreten (»Im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter  von Judäa war, Herodes Fürst von Galiläa, sein Bruder Philippus Fürst der Landschaft Ituräa und Trachonitis und Lysanias Fürst von Abilene, unter den Hohenpriestern Hannas und Kajaphas« , Lukas 3,1 ff), und in einem bestimmten Land: das Land, das Abraham verheißen worden war, das Land der zwölf Stämme Israels, das Land der Propheten, das Land, das die ersten Schritte Jesu von Nazareth sah, seine ersten Begegnungen mit den Jüngern, mit Johannes und Andreas (Joh.1,35), das Land, das seine Predigten hörte, das seine Wunder sah, seinen Tod und seine Auferstehung.

Zeugnisse aus dem Land Palästina und aus dem komplexen jüdischen Umfeld zur Zeit Jesu sind im ersten Teil der Ausstellung zusammengestellt. Einen entscheidenden Beitrag zu der hervorragenden dokumentarischen Qualität hat das Jerusalemer Museum »Israel Antiquities Authority« geleistet. Es handelt sich hierbei nicht nur um Zeugnisse von den ersten Anfängen des Christentums, sondern auch um historische Daten, die mit der Zeit Christi und den ersten christlichen Gemeinden verbunden sind.

Von großer Bedeutung ist auch der vertiefende Teil, der der „schriftlichen Tradition“ gewidmet ist. Diesen Teil betreut der Direktor dieser Ausstellung, C. P. Thiede,  persönlich. Die absolute Neuheit dieses Teils der Ausstellung besteht in der Tatsache, dass hier wie nie zuvor einige der ältesten Zeugnisse der Schriften des Neuen Testaments gesammelt und gemeinsam ausgestellt worden sind. Besondere Aufmerksamkeit verdienen neben den Papyri von Oxyrhynchos (mit Stellen aus dem Lukas- und Johannes-Evangelium) die Fragmente des Matthäus-Evangeliums aus dem Magdalen College in Oxford, die erst kürzlich von Thiede identifiziert wurden und vor das Jahr 70 nach Christus datiert werden. Außerdem wurde es zum ersten Mal gestattet, die Papyri der Grotte 7 von Qumran außerhalb Israels auszustellen. Hierunter befindet sich das mittlerweile berühmte 7Q5, das nicht später als 50 n. Ch. datiert wird, und das O’ Callaghan als Mk, 6, 52-54 identifiziert. Diese neuesten papyrologischen Entdeckungen weisen auf eine Datierung der Evangelien auf eine Zeit um 50 n. Chr., aber nicht später. (d.h. auf eine Zeit, die so nahe an den erzählten Ereignissen ist, dass jegliche Mythisierung des Geschehenen auszuschließen ist). Dadurch wird die Geschichtlichkeit und der Wert des authentischen Zeugnisses darüber, was Jesus Christus »während Seines Lebens unter den Menschen wirklich lehrte und wirkte, aufgewertet.« ( Dei  Verbum 19). Diese Entdeckungen, die bezüglich der Datierung der Evangelien mit denen anderer wissenschaftlicher Studien übereinstimmen (z. B. mit den linguistischen Studien über das aramäische Substrat in den Evangelien von J.Carron und J. Garcia in Madrid, den Schülern von Herranz Marco), haben eine heftige Debatte eröffnet, die noch andauert. In ihr treten klar die Grenzen vieler Theorien der Exegese zu Tage, die noch einem rationalistischen Dogmatismus a la Bultmann verhaftet sind. In dieser Theorie wird auf der einen Seite die Auffassung vertreten, dass eine unüberwindliche Kluft zwischen Glaube und Geschichte besteht. Jegliches historische Fundament des christlichen Ereignisses wird bestritten, stattdessen wird es auf einen Mythos oder eine theologische Konstruktion der christlichen Gemeinden reduziert. Andererseits wird ein Glaube an Christus, bei dem keine Geschichtlichkeit vorzuweisen ist, unvernünftig; er reduziert sich auf einen gefühlsmäßigen Impetus.

 

 Dagegen ist nur eine Vernunft, die sich nicht a priori der Möglichkeit verschließt, dass das Geheimnis in die Geschichte eintritt (d. h. nur eine Vernunft, die sich selbst treu bleibt), fähig, alles aufzuwerten, was die moderne Forschung über die Evangelien anzubieten hat, auch hinsichtlich ihres historischen Wertes, d. h. Gedächtnis eines wirklich stattgefundenen Ereignisses zu sein.

 

Zu den Völkern

 

Das christliche Ereignis, das fast unhörbar in die Welt gekommen ist, wie ein Same in die Erde, hat die Menschen aller Zeiten berührt und einen ununterbrochenen menschlichen Fluss geschaffen, der noch nach 2000 Jahren in Form einer Wirklichkeit fortdauert, die in der Gegenwart erfahrbar ist.

»Geht und verkündigt es allen Völkern. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt« (Mt 28, 19 ff, Mk 16,15, Lk 24,47). Es ist der Anstoß zu einem neuen Leben, das, ausgehend von den ersten Zwölf in Palästina, verschiedenen Völkern und Kulturen begegnet ist, bis an die Grenzen der Erde. Es  hat allen die Erfahrung einer menschlichen Erfüllung vorgeschlagen und so innerhalb der normalen Umstände des menschlichen Lebens den Ursprung einer neuen Geschichte gesetzt. Das Leben der ersten Gemeinde, die sich den Augen der Welt zeigt, ist eine soziologische Wirklichkeit (diejenigen, die in Jerusalem »einmütig beisammen waren in der Halle Salomos«,  Apg 5,12); sie  ist gekennzeichnet durch das Bewusstsein der Gegenwart des gestorbenen und auferstandenen Christus.

Jene Menschen haben ihren Weg in der Welt mit der Gewissheit begonnen, die Fortdauer des auferstandenen und gegenwärtigen Christus zu sein, der unter ihnen und durch sie wirkte. Dieses Bewusstsein wurzelte in dem, was die ganze Geschichte des Volkes Israel begleitet hat, d. h. dem Bewusstsein, Objekt einer Wahl (oder Erwählung) durch Gott  zu sein, »das Volk zu sein, das ihm gehörte«. So wie für das Alte Testament bleibt der Begriff der Wahl (oder Erwählung) durch Gott auch für das christliche Leben ein grundlegender Begriff. Er wurde aber jetzt revolutioniert und vollendet durch das Ereignis Christi: ein neues Volk Gottes wurde geboren, das nicht mehr ethnischen Ursprungs war, sondern bestimmt war durch die Zugehörigkeit zu Christus,  die im Glauben gelebt und in der Taufe begründet war.

Paulus kann somit in seinem Brief an die Galater sagen: »Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. Alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da gilt nicht mehr Jude und Grieche, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau. Denn alle seid ihr eins in Christus Jesus. Seid ihr aber in Christus, so seid ihr Abrahams Nachkommenschaft und der Verheißung gemäss Erben«(Gal 3, 26-29).

Die gleiche Auffassung betont Paulus in seinem Brief an die Christen in Kolossä. «Da gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen« (Kol 3,11). Und weiter an die Christen in Korinth: »Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen,  Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt« (1 Kor 12,13).

In der christlichen Gemeinde vertieft sich das Bewusstsein, das  neue Volk Gottes zu sein, hin zu der Auffassung, der geheimnisvolle Leib Christi zu sein, in einer ontologischen Verbindung mit Christus zu stehen, die Verlängerung Christi in der Geschichte zu sein, die geheimnisvolle Fortdauer des Herrn in Zeit und Raum.

Die großen ethnisch-kulturellen Unterschiede (Jude-Grieche, Grieche-Heide) und sozialen Unterschiede (Sklave-Freier, Mann-Frau) werden nicht abgeschafft, sondern in ihrem verabsolutierenden Anspruch überwunden durch die Neuheit des christlichen Ereignisses.

»Ist also einer in Christus, ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe,  Neues ist geworden«

(2 Kor 5,17). Der Begriff »neue Schöpfung«, der in den neutestamentlichten Schriften oft auftaucht (z.B. Gal 6,15; Eph 4,23; Kol 3,9; 1Pt 23; Gal 1,18), deutet darauf hin, wie sich in der Welt diese neuartige Menschlichkeit langsam verankert. Bei den ersten christlichen Gemeinden ist der Alltag durch die Erfahrung der Heiligkeit gekennzeichnet, begleitet von dem Ereignis von Wundern, durch die Christus seine Gegenwart in der Geschichte bezeugt.

Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang gerade die eindrucksvolle persönliche Geschichte des Saulus, geboren in Tarsus in Zilizien, römischer Staatsbürger, in Jerusalem ausgebildet in der Schule des Gamaliel. »Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt« (Phil 3, 5-6).

Auf dem Weg nach Damaskus, wohin er gehen wollte, um die Christen zu verfolgen, hatte Saulus ein Erlebnis, das seinem Leben eine völlige Wende brachte (Ap. 9,1-19;22;26,12-18) und ihn zu Paulus machte, dem Apostel der Völker. Angefangen bei den ersten, die Christus folgten und seine Mission fortsetzten, spürt man den Aufbruch eines neuen Lebens, das Palästina, Kleinasien, Griechenland und Rom ergreift, die oikoumene, d.h. die ganze bewohnte Welt. Wie Eusebius in seiner Kirchengeschichte berichtet, wurde sie von den Aposteln zur Evangelisierung in Zonen aufgeteilt, in die sie dann getrennt zogen, mit dem Bewusstsein,  dass das christliche Ereignis durch seine Universalität eine Neuheit für jeden Menschen war.

Es gab auch andere strukturelle Faktoren, die die außergewöhnlich rasche Ausbreitung des Christentums auch außerhalb Palästinas schon ab dem 2. Jahrhundert erleichterten: die  bestehenden Kommunikationswege und Handelswege sowie städtische und kosmopolitische Einflüsse. Aber sie sind nicht der einzige Grund für die weite Verbreitung des Vorschlags einer allumfassenden Befreiung, die das Christentum den Menschen jeder Ethnie, Kultur und sozialen Stellung machte.

Das Christentum präsentierte sich mit der durchdringenden Kraft einer radikalen Andersartigkeit. Es ging gegen den Strom des Unverständnisses, der Missverständnisse und der Verfolgungen, und es übte gleichzeitig auf die Völker, die das Heil erwarteten, eine Anziehungskraft aus, die nicht mehr rückgängig zu machen war.

Die christlichen Gemeinden im gesamten Römischen Reich entstanden und verbreiteten sich innerhalb einer Vielfalt von Völkern, Kulturen und verschiedenen religiösen Systemen, deren Elemente sich oft in einem Synkretismus von Riten und Überzeugungen vermischten. Jede christliche Gemeinde, so klein sie auch war, verstand sich als Teil und in Funktion der Gesamtkirche. Sie vertrat sie ganz und verkörperte das Geheimnis jener Berufung, die so stark im Bewusstsein der ersten Christen verankert war.

Die Universalität des Christentums war eine Folge der gelebten Erfahrung der Einheit der Kirche (des Glaubens, der Liturgie, der Autorität). Ihr lag eine andersartige Auffassung, ein andersartiges Gefühl und eine andersartige Praxis zugrunde, synthetisch mit dem Begriff Gemeinschaft (koinonia) ausgedrückt. Diese komplexe Wirklichkeit drückte sich nicht nur im persönlichen Aspekt der Zugehörigkeit des einzelnen Gläubigen zum heilsspendenden Geheimnis Christi in der Kirche, seinem Leib, durch die Sakramente (Taufe und Eucharistie) aus, sondern auch in einer neuen Moralität. Sie entstand aus einer Änderung des Urteils (metanoia) und des Handelns (caritas), das zum missionarischen Aufbruch und zum Zeugnis vor der Welt und der politischen Macht wurde, bis hin zum Martyrium, welches als Teilhabe am siegreichen Opfer von Christus selbst gelebt wurde.

Der Begriff Gemeinschaft weist auch auf die Entstehung und Strukturierung eines institutionell-hierarchischen Aspektes hin: Die Kirche gründet auf Petrus und den Aposteln. Ihre Nachfolger üben im Namen Christi die Autorität aus: durch die Lehre des depositum fidei und durch die Kraft, die göttliche Wirklichkeit mitzuteilen (Sakramente). »Dies ist die Lehre, dies ist der Glaube, den die Kirche erhalten hat. Und obgleich sich dieser Glaube im ganzen Universum verbreitet hat, bewahrt ihn die Kirche sorgfältig, als wäre es ein einziges Haus, in dem sie wohnt. Sie glaubt mit demselben Glauben an jedem Ort an all diese Dinge. Sie predigt, lehrt und gibt weiter auf eine einzige Weise, wie aus einem Mund. Die Sprachen unterscheiden sich, je nach Völkern, aber die Kraft der Überlieferung ist eine einzige. Es ist derselbe Glaube, den die Kirchen in Germanien, Iberien, bei den Kelten, im Orient, in Ägypten, in Libyen und im Herzen der Welt (d. h. Palästina) bekennen und überliefern« (Irenäus, Adversus haereses, I, 10,2).

Die oikoumene bedeutet also im Bewusstsein der Christen nicht nur die ganze bewohnte Welt, sondern die Vision des Reiches Christi, wie es die ganze Welt umfasst, alle Zeiten und alle Orte. Mit dem Wort oikoumene bezeichnete man also das menschliche, soziale und kulturelle Subjekt, das fähig war, das gesamte Universum zu umarmen.

Die christliche Ökumene erweist sich also im Vergleich zu der synkretistischen Toleranz der griechisch-römischen Kultur als radikal erneuernd. Sie ist Überwindung der Schemata der Welt und zugleich Aufwertung von allem, was in der Wirklichkeit gut, wahr und gerecht ist. 

»Gleicht euch nicht  dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12,2). Aus der gelebten Begegnung mit Christus, die die Existenz ergreift und sie umwandelt, entsteht eine neue Sicht seiner selbst und des Lebens. Justin konnte so behaupten: »Jede Wahrheit, von welchem Menschen auch ausgesprochen, gehört uns Christen, denn wir (...) beten den Logos an, der aus Gott hervorgeht« (Justin, Apologie 13). Dort wo hinsichtlich der höchsten Wahrheit, der Gestalt Christi, Klarheit besteht, erweist sich im Blick auf Ihn alles, dem man begegnet, als gut. Diese neue Auffassung (»Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat« , Gal 2,20) dringt in alle Aspekte der Realität ein, vom intensiven Dialog mit der heidnischen Kultur (mit der Entstehung der christlichen Apologie), bis hin zum Realismus, der die sozialen und politischen Beziehungen mit der Autorität des Römischen Reiches kennzeichnet; von der Entstehung neuer künstlerischer Ausdrucksformen bis hin zu den alltäglichsten Aspekten der Existenz. »Prüft alles und behaltet das Gute« (1 Thess 5,21).

Der kulturelle Wert dieser Ausstellung in Rimini besteht darin, dass sie die unverkürzbare Neuheit des Christentums in seinen geschichtlichen Ursprüngen bewusst wieder vorschlägt. Dies wird durch die Ausstellung einer eindrucksvollen und bis jetzt hinsichtlich Qualität und Quantität einzigartigen Sammlung archäologischer Zeugnisse ermöglicht. Sie begnügt sich jedoch nicht allein mit dem kulturellen Interesse an der Vergangenheit, wenngleich diese beeindruckend und bewegend ist, so wie die Anfänge des christlichen Ereignisses. Die Ausstellung »Von der Erde zu den Völkern« gründet ihre Botschaft auf einem Interesse an der Gegenwart. »Das Christentum ist eine lebendige Wahrheit, die niemals alt werden kann. Manche sprechen davon, als sei es ein Geschehnis in der Vergangenheit, das nur indirekt Gewicht im heutigen Leben hat. Ich kann nicht zugestehen, dass man es in die Vergangenheit verbannt. Es hat ganz sicher seine Wurzeln in einer ruhmreichen Vergangenheit, aber seine Kraft ist in der Gegenwart« (J.H. Newman, Entwurf einer Zustimmungslehre). Jene Anfänge von vor 2000 Jahren haben sich nicht in einer Tradition erschöpft, die viele zeitgenössische Intellektuelle für unwiderruflich tot halten und auf die sie wie auf vertrocknete Blätter an den Ästen des Baumes der Geschichte schauen. Und auch viele Christen betrachten sie mit einer ehrfurchtsvollen und rührseligen Nostalgie, die letztendlich das Leben nicht befruchtet. Eigentlich besteht eine seltsame Parallelität zwischen der Krise, in der sich die hellenistische Kultur befand, als das Christentum in die Menschheitsgeschichte eingedrungen ist, und der Verzweiflung (die als Mangel eines Sinnes für die eigene Existenz erfahren wird), die die heutige Mentalität in weiten Bereichen durchdrungen hat. Damals wie heute werden Zeit und Geschichte, die offensichtlich keine Bedeutung haben, letztendlich als Feinde des Lebens gelebt, eines Lebens, das keine Gegenwart hat, gefangen zwischen den bitteren Enttäuschungen der Vergangenheit und den beängstigenden Unsicherheiten der Zukunft. Die einzige mögliche Lösung, die einzige »Weisheit« (von einigen »Weisen« unserer Zeit vorgeschlagen, die sich - nicht zufällig - auf die »Weisen« von damals berufen), scheint darin zu bestehen, die unausweichlichen Gesetze des Werdens zu akzeptieren und sich den blinden Kräften der Natur zu ergeben, gestern im Namen des Schicksals und der Unausweichlichkeit, heute im Namen des Nichts. Aber in dieser Verneinung der Wirklichkeit und der Gegenwart wird das Herz mit seinen ursprünglichen Bedürfnissen nach Wahrheit, Schönheit und Glück gedemütigt. Und selbst die Vernunft des Menschen wird gedemütigt. Denn wenn sie frei von Vorurteilen wäre, würde sie von ihrem Wesen her ununterbrochen der Vorahnung eines letzten Sinnes folgen, der dem Leben zugetan ist. Sie hielte sich die Möglichkeit einer Antwort offen auf die unausweichliche Dringlichkeit einer Bedeutung für die Existenz .

Die Zeugnisse der Anfänge des Christentums sind nicht Zeichen einer ruhmreichen Vergangenheit, sondern der Wirklichkeit (d.h. der Möglichkeit) eines Beginns, der innerhalb des menschlichen Horizontes gegenwärtig ist. Dieser Beginn ereignet sich wie vor 2000 Jahren von neuem im Leben von Männern und Frauen, in denen der Geist Christi nicht aufhört, »dasselbe Staunen des Johannes und Andreas angesichts des christlichen Ereignisses« hervorzurufen« (L. Giussani, Auf der Suche nach dem Angesicht des Menschen, Mailand 1995). Wer an  diesem gegenwärtigen Ereignis teilnimmt, für den sind die historischen Zeugnisse eine begeisternde Bestätigung seiner Vernünftigkeit, d. h. seiner Menschlichkeit. Aber sie stellen auch für alle, die sich ernsthaft mit der eigenen Existenz beschäftigen wollen, eine Herausforderung dar, der sich die Vernunft öffnen kann (die sich nicht von vornherein aus reinem Vorurteil der Möglichkeit verschließen möge, dass das Geheimnis in die Geschichte eintreten  und in Zeit und  Raum unserer Gegenwart angetroffen werden könnte).

 

Stefano Alberto lehrt Theologie an der katholischen Universität Sacro Cuore in Mailand

 

Kulturinitiative

Links

Termin-Übersicht

Über uns