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13. Februar 2011 Von Menschen und Göttern

Was dem Leben Größe verleiht

Algerien, 1996. Acht Trappisten-Mönche leben im Kloster Tibhirine ein friedliches, dem Gebet und der täglichen Arbeit gewidmetes Leben; die muslimische Dorfgemeinschaft schätzt sie, man weiß um einander, teilt die kleineren und größeren Sorgen des Alltags, aber auch dessen Freuden – und somit auch die religiösen Feste. Doch diese Harmonie erscheint zunehmend bedroht, als islamistische Fundamentalisten durch gewaltsame Übergriffe ein Klima der Furcht im Land entstehen lassen. Die acht französischen Mönche sehen sich vor die Wahl gestellt, entweder zurück in die Heimat zu gehen oder aber zu bleiben. Soweit die auf wahren Ereignissen beruhende Rahmenhandlung des Films.
Fotoquelle: http://www.moviepilot.de/movies/von-menschen-und-goettern

 


Man sollte meinen, nicht unbedingt der plot, der für volle Kinosäle sorgt. In der Tat lief der Film in Deutschland nur in wenigen Programmkinos, obwohl er zuvor von der Presse nahezu einhellig in höchsten Tönen gepriesen, in Cannes mit dem Besten Preis der Jury ausgezeichnet wurde und in Frankreich im vergangenen Jahr über 3 Millionen Menschen in die Kinos lockte. Wie kann ein solcher Film, der sicher nicht dem Mainstream entspricht, für derart positive Resonanz sorgen?



Wertvoll und beeindruckend ist der Film schon deshalb, weil er ein gelebtes Miteinander von Christen und Muslimen zeigt, und dabei sehr sorgfältig zwischen dem Islam und dessen fanatischer Überzeichnung, unter dem nicht zuletzt die muslimische Bevölkerung selbst leidet, zu unterscheiden weiß. Faszinierend ist auch die Art und Weise, wie die Mönche jeden aufnehmen, der an die Pforte klopft, Versuche der Vereinnahmung beispielsweise durch die Regierung hingegen entschieden zurückweisen.

Im Verlauf des Films rückt aber noch eine andere Thematik in den Blick, die sein eigentliches Faszinosum darstellt: das Ringen um die richtige Entscheidung, bleiben oder gehen. Den inneren Konflikt muss jeder Einzelne der acht persönlich erfahren. Der Film zeichnet hier keine Helden, sondern Menschen, die Angst haben und keineswegs den Märtyrertod anstreben. Die Einschätzungen der Lage gehen dabei je nach charakterlicher Disposition sehr weit auseinander. Während der eine nur feststellen kann: „Ich bin doch nicht hier, um an einem kollektiven Selbstmord teilzunehmen“, so ist ein anderer mutiger: „Ich habe keine Angst vor den Terroristen, noch weniger vor dem Militär. Ich fürchte den Tod nicht mehr, ich bin ein freier Mensch!“. Zunehmend gewinnt dabei auch die gemeinschaftliche Dimension an Bedeutung, die sich besonders in der Suche nach den richtigen Kriterien für eine Entscheidung zeigt. Am vernünftigsten erscheint hier die Position des Ältesten, der sich die anderen anschließen: „Ich weiß es noch nicht. Wir müssen in uns gehen, und alle gemeinsam beten.“ Beten, das ist für sie keine Einladung zur Weltflucht, sondern der Versuch, sich der Gründe des eigenen Tuns und der Schönheit der Gemeinschaft bewusst werden. Also das Leben in seiner tiefsten Dimension und ganzen Fülle zu leben.

So schreibt der Prior in seinem als Brief verfassten Testament über die Zeit nach dem ersten Überfall am Heiligen Abend: „Ich habe noch oft an diesen Moment gedacht. […] Nachdem sie fort waren, blieb uns nichts zu tun außer zu leben! Und zum Auftakt dieses Lebens, gerade zwei Stunden später, zelebrierten wir dann die Vigil und die Messe zu Weihnacht. Das war, was wir zu tun hatten. Und wir haben es getan. Wir haben Weihnachten besungen. Und wir haben dieses Kind begrüßt, das vor uns lag. So absolut schutzlos, und doch schon so bedroht. Und danach war es unser Glück, dass uns allen die Aufgaben des Alltags aufgetragen sind. Die Küche, der Garten, das Offizium, die Glocke; ein Tag nach dem anderen. Und auch wir sind schutzlos zurückgeblieben.“
Nichts anderes tun können, als die Umstände, die banalen Dinge des täglichen Lebens anzunehmen, darin besteht ihr Gebet und das ist es, was ihrem Leben Größe verleiht.
„Warst du schon einmal verliebt?“, fragt ein junges Mädchen Luc, einen der Mönche. „Ja“, antwortet dieser, „aber dann habe ich eine Liebe gefunden, die noch viel größer ist“. Nur eine solche Position lässt das Opfer menschlich erscheinen: Nicht Verzicht um des Verzichts willen, sondern Verzicht um eines größeren Reichtums, einer größeren Freude willen. Diese Freude ist beim letzten gemeinsamen Abendessen am Gründonnerstag offensichtlich. Zu den Klängen von Tschaikowskys Schwanensee erfasst die Kamera behutsam die Gesichter eines jeden Einzelnen. Es sind nur Gesichter, die Gesichter armseliger Menschen. Aber in jedem einzelnen spiegelt sich ein ganzes Leben, Gnade und Gebet, Lachen und Weinen, Erwartung und Vorahnung, Hoffnung und Freude. Und nur um einer solchen Intensität des Lebens willen, so die Aussage des Films, erscheint das Opfer, das in ihrem Falle im Martyrium gipfelt, vernünftig.
Eine solche Haltung lässt wohl niemanden kalt, sondern weckt den Wunsch, selbst an einer solchen Intensität der Menschlichkeit teilzuhaben. Die Zeit nach dem Film kann als Einladung dazu verstanden werden, in all den kleineren und größeren Aufgaben des Alltags diese Fülle zu entdecken. Denn das ganze menschliche Leben gewinnt dann an Größe, wenn es im Horizont einer größeren Wahrheit gelebt wird. Darum wählte der Regisseur Xavier Beauvois, der im Übrigen von sich selbst behauptet, ungläubig zu sein, wahrscheinlich auch den Titel des Films: „Von Menschen und Göttern“.
Katharina Keßler
 

 

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