Wolfgang Bosbach 2026 17. April Bruchsal
Wolfgag Bosbach 2.0 in der Stadtkirche
Nicht erst seit dem letzten Besuch von Wolfgang Bosbach bewegen wir uns in einer Zeit des Wandels.
In der innenpolitischen Debatte hat sich die Frage, wie mit dem Erstarken populistischer Positionen in Deutschland umzugehen ist,verstärkt. Zwischen konsequenter Abgrenzung im Sinne einer „Brandmauer“ und punktueller inhaltlicher Auseinandersetzung wird intensiv diskutiert. Handelt es sich um demokratische Wettbewerber, die vor allem polarisieren, oder um Kräfte, die demokratische Grundprinzipien infrage stellen? Hinzu kommt die internationale Dimension. Aus Teilen der US-Politik sowie aus dem Umfeld einflussreicher Unternehmer wie Elon Musk oder Peter Thiel kommen Signale, die rechten Parteien in Europa Sympathie entgegenbringen – eine Entwicklung, die die europäische Parteienlandschaft zusätzlich unter Druck setzt.
Auch in der Familienpolitik prallen unterschiedliche Leitbilder aufeinander. Papst Leo XIV. warnte kürzlich vor subtiler Diskriminierung von Christen, wenn diese sich für die Würde Ungeborener, für Flüchtlinge oder für ein klassisches Familienbild einsetzen. Andere laden den Familienbegriff in einem völkischen Verständnis auf. Abseits ideologischer Grabenkämpfe steht jedoch die praktische Frage im Raum, wie eine zeitgemäße Familienpolitik aussehen kann, die Eltern stärkt, Erziehungsleistung anerkennt und unterschiedliche Lebensentwürfe respektiert, ohne bewährte Leitbilder vorschnell abzuwerten.
Eng damit verbunden ist das Spannungsfeld zwischen Kirche und Staat. Während die Religions- und Gewissensfreiheit in Deutschland rechtlich stark verankert ist, geraten kirchliche Institutionen zunehmend in Konflikt mit staatlichen Vorgaben – etwa im Arbeitsrecht, bei Antidiskriminierungsfragen oder im Kontext ethisch sensibler Themen wie assistiertem Suizid. Kirchen sehen ihr Selbstbestimmungsrecht herausgefordert und ihre Positionen gesellschaftlich oft missverstanden. Kann der Dialog zwischen Staat und Religionsgemeinschaften neu belebt und gegenseitiges Verständnis gefördert werden kann.
Sorge bereitet auch die zunehmende Moralisierung politischer Debatten. Soziale Medien verstärken diese Dynamik, Identitätspolitik fördert Freund-Feind-Schemata, und komplexe Herausforderungen werden mit moralischen Zuschreibungen überlagert. Die Frage ist, wie sich ein politischer Diskurs wieder stärker an Argumenten und weniger an Gesinnungszuschreibungen orientieren kann.
Außen- und sicherheitspolitisch steht Europa vor einer Zeitenwende. Der von Papst Leo XIV. beschriebene Ersatz einer Diplomatie des Dialogs durch eine „Diplomatie der Stärke“ spiegelt sich in globalen Machtverschiebungen wider. Die Rolle der Vereinten Nationen wird infrage gestellt, neue Bündnisse entstehen, während der „Geist von Helsinki“ – die Idee kooperativer Sicherheit – verblasst scheint. Welche Instrumente Europa jenseits militärischer Stärke zur Verfügung stehen, um in einer Welt zunehmender Autokratien gestaltend zu wirken, ist eine der zentralen Zukunftsfragen.
Gleichzeitig droht das Thema Klimawandel angesichts geopolitischer Krisen in den Hintergrund zu treten. Die Gefahr besteht, dass Überforderung und Detailregulierungen das Vertrauen der Bürger schwächen. Diskussionen um Waldnutzung, Artenschutz oder Bauauflagen zeigen, wie schnell Akzeptanz verloren gehen kann, wenn Maßnahmen als unverhältnismäßig wahrgenommen werden. Gefragt ist ein Ansatz, der Eigenverantwortung stärkt, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nimmt und zugleich pragmatische Lösungen ermöglicht.
Auch die Rolle Deutschlands in Europa wird neu vermessen. Der Historiker Timothy Snyder argumentiert, das Schicksal der Demokratie hänge maßgeblich von Europa und damit von Deutschland ab. Doch was bedeutet Führung in einem Europa, das zwischen Mehrheitsentscheidungen und nationalen Vetos ringt? Welche Reformen sind realistisch, um handlungsfähiger zu werden, und welche Impulse kommen aus der Europäischen Volkspartei?
Schließlich richtet sich der Blick auf das Verhältnis Europas zu den USA und auf die Rolle der Medien. Menschenwürde und Menschenrechte gelten als Grundpfeiler europäischer Politik, geraten jedoch unter Druck durch geopolitische Interessen und digitale Machtstrukturen. Große Plattformen prägen die öffentliche Meinungsbildung durch Algorithmen, während der öffentlich-rechtliche Rundfunk angesichts hoher Kosten und einzelner Manipulationsvorwürfe unter Rechtfertigungsdruck steht. Die Sicherung von Medienvielfalt, Transparenz bei KI-Systemen und faire Wettbewerbsbedingungen für klassische Medien sind zentrale Aufgaben.
All diese Themen – von Innenpolitik über Familien- und Glaubensfragen bis hin zu Europa, Klima, Medien und Jugend – sind Ausdruck einer Gesellschaft im Umbruch. Sie verlangen nach Orientierung, klaren Prinzipien und zugleich nach Dialogbereitschaft.
Hubert Keßler