Ein einfacher Unfall
Von Hubert Keßler
Ein einfacher Unfall / Originaltitel oft als It Was Just an Accident.
… führt zu einem aufwühlenden Drama in dem gleichnamigen Film von Jafar Panahis.
Der Film ist ein moralisch vertrackter Rache-Thriller, der im Iran spielt. Die Handlung dreht sich um eine Gruppe ehemaliger Gefangener des iranischen Regimes, die zufällig auf ihren mutmaßlichen Peiniger treffen. Sie entführen ihn und stehen nun vor der Frage, wie sie über ihn richten sollen – Rache oder menschliche Gerechtigkeit?
Die zutiefst menschlichen Fragen und Gefühlen nach Schuld, Recht und Gerechtigkeit, Vergebung, Rache, Angst prägen die Dialoge mit den unterschiedlichen, zum Teil von Laiendarstellern gespielten Rollen. Zwischen Suche nach Gerechtigkeit, geplagt von blinder Rache, dem Wunsch nach Reue und Vergebung gewinnt die Barmherzigkeit letztlich die Oberhand. Das ganze geschieht innerhalb alltäglicher Geschehnisse; Hochzeit, Geburt, begleitet von alltäglichen Bestechlichkeiten usw. ironische „Zwischentöne“ ermöglichen immer wieder einen Abstand zu den eigentlich unmenschlichsten Erfahrungen, die die agierenden Menschen hinter sich haben: Folter, Demütigung, Vergewaltigung, Unrecht… Wie sehr passt dieser Film in die aktuelle Situation im Iran.
Jafar Panahis zeigt eine Gesellschaft, die sich trotz eines schrecklichen, dazu noch theokratisch gerechtfertigten Unrechtsregimes, in den Seelen der Menschen eine Menschlichkeit bewahrt. Die goldene Palme ist absolut verdient.
Die Handlung im Film ist auf Wesentliches beschränkt, so dass der Dialog unter ihnen zum geradezu theatralischen umgesetzten Drama wird. Es sind die Kleinigkeiten, die im Kerker das Leben ausmachten und hier zum Erkennen des Peinigers führen. Der Geruch, das Bein, die Prothese führen zur Klärung der großen Frage: Ist er derjenige, der sie und viele Andere über Monate hin im Gefängnis gequält und gedemütigt hat? Und wenn, sollen sie wie er werden oder den eigenen Idealen treu bleiben? Bestrafen wir seine Frau und Kind, die unmittelbar nichts mit dieser Brutalität zu tun haben? Zeigen wir Vergebung und setzen uns der Gefahr aus, vom Regime wieder eingefangen zu werden? Ist die menschliche Reue, die am Ende beim zynischen und unmenschlichen Folterer aufbricht, echt und angstbestimmt? Führt seine Wahrnehmung, dass seine Frau und seine Kinder durch die gerettet wurden, in deren Händen er nun ist, zur Glaubwürdigkeit, er werde sie nicht verfolgen?
Der Film, künstlerisch genial komponiert, beginnt mit dem Erkennen des Folterers am Quietschen dessen Prothese, begleitet vom erschrecken der Vögel in einem Käfig und endet mit der Annäherung und Entfernung des Peinigers mit der quietschenden Prothese nach dessen „Begnadigung“ und einem leisen Zwitschern der gleichen Vögel. Ist das die bleibend drohende Situation in einem Unrechtsstaat, wo jeder mit allem rechnen muss oder der Sieg der Menschlichkeit, auch in dem Peiniger, den die Begegnung mit der Menschlichkeit überwunden hat.
Hubert Keßler